Geburtstag

Lob für eine literarische Kämpferin

VS+Schillers+Reisefede

Der VS gratuliert seiner stellvertretenden Bundesvorsitzenden Regine Möbius zum 70. Geburtstag
»Überzeugendes politisches, kulturpolitisches und religiöses Engagement sowie herausragendes soziales Eintreten für Kolleginnen und Kollegen und große literarische Schaffenskraft kennzeichnen den Lebensweg der Leipziger Schriftstellerin Regine Möbius«, sagt Imre Török, Bundesvorsitzender des VS in ver.di.
»Zu Deinem 70. Geburtstag gratulieren der Verband deutscher Schriftsteller und ich persönlich aufs Herzlichste, verbunden mit tiefer Dankbarkeit für dein Jahrzehnte währendes, unermüdliches Engagement«.Regine Möbius studierte in der DDR zunächst Chemische Verfahrenstechnik und später die Kunst des Schreibens am Institut für Literatur »Johannes R. Becher« in Leipzig. Der Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 war das erste politische Ereignis, das sie bewusst erlebt hat, sie engagierte sich bald danach als überzeugte Christin und Humanistin in der DDR, nicht zuletzt bei der friedlichen Revolution 1989 in ihrer Heimatstadt Leipzig. In einigen ihrer Publikationen wandte sie sich dem Freiheitsstreben in ihrer Heimat zu, so in »Panzer gegen die Freiheit. Zeitzeugen des 17. Juni 1953 berichten« (2003) oder »Autoren in den neuen Bundesländern. Schriftstellerportraits« (1995).
In zwei Büchern widmet sich Regine Möbius dem literarischen Lebenswerk und dem politischen Engagement von Erich Loest, der von 1994 bis 1997 Bundesvorsitzender des VS war.
Sie selbst wurde, nach mehrjähriger Tätigkeit als Korrespondentin des Börsenblatts für den deutschen Buchhandel und als Landesvorsitzende des VS in Sachen 1997 zur stellvertretenden VS-Bundesvorsitzenden gewählt und bekleidet dieses Amt nach mehrmaliger Wiederwahl bis heute.
Seit 2007 ist Regine Möbius zudem Kunst- und Kulturbeauftragte von ver.di und seit 2011 Vizepräsidentin des Deutschen Kulturrates.
»In allen ihren Aufgabengebieten erlebe ich meine hoch geschätzte Kollegin seit jeher als Förderin der Literatur und eifrige Kämpferin für die Verbesserung der sozialen Lage von Autoren und Kunstschaffenden. In diesem Sinne wünsche ich Dir, liebe Regine, viele weitere erfüllte, glückliche, gesunde Jahre voll Tatendrang und Schaffenskraft«, so Török.

Link zum Plötter-Verlag

Wir gratulieren Otto Jägersberg zum 70. Geburtstag

VS+Schillers+Reisefede

Gäbe es Otto Jägersberg in Baden-Baden nicht, die Stadt müßte ihn glatt erfinden. Wie er seit Jahrzehnten mit sanfter Ironie und bissigem Spott seine Bücher schreibt, seine Filme dreht, einem wichtigen Sohn der Stadt zu neuem Leben verholfen hat und schon immer „nebenbei“, aber seit einiger Zeit auch durch die Bildende Kunst flaniert, ist einzigartig. Der Künstler, Dichter, Filmemacher, Romancier wird nun am 19. Mai 70 Jahre alt. Im Alten Dampfbad ist er nicht nur zu Hause, nein, dort war auch bis 15. Januar 2012 eine Kunstausstellung mit erstaunlich vielseitigen Werken von Jägersberg zu sehen: Aquarelle, Fotos, Skizzen und Zeichnungen. Parallel dazu ist ein „Bilderbuch“, dem er natürlich amüsante Texte beigefügt hat mit ebenso amüsanten Titeln: „Der Spazierstock ist ein Kartoffelstampfer auf Landgang“.
     Otto Jägersberg ist ein angenehm selbstironischer und umfassend gebildeter Zeitgenosse. So lag es auch nahe, dass er sich dem Schriftsteller und Psychoanalytiker Georg Groddeck verschrieben hat, jenem berühmten Sohn Baden-Badens im Schatten von Sigmund Freud. Jägersberg ist Herausgeber seiner gesammelten Schriften und hat 2011 eine Festschrift zum 25jährigen Bestehen der Georg-Groddeck-Gesellschaft mit initiiert – auch dort schmunzelt man bei der Lektüre so manchen Beitrags. „Groddeck war ein widersprüchlicher und komplizierter Mensch mit einer phantastischen Weitsicht, Auffassungskraft und Formulierungslust“, schwärmt Jägersberg im Gespräch. Viel über Psychosomatik hat Groddeck geforscht, dass Körper und Seele zusammen gehörten, sei bei Groddeck eine „Lebenshaltung.“
     Natürlich darf das eigene literarische Werk von Otto Jägersberg nicht vergessen werden. Die großen Romane des 1942 in Hiltrup/ Westfalen geborenen Autors, erschienen in den siebziger und achtziger Jahren, sein Debut „Weihrauch und Pumpernickel“ machte bereits1964 Furore, viele Romane und Erzählungen folgten. Der Fernsehfilm „Seniorenschweiz“ (1976) nahm das überalterte Baden-Baden aufs Korn und den demografischen Wandel vorweg, überhaupt ist die Kurstadt Hintergrund vieler Texte und Filme. Sein umfangreichstes filmisches Projekt war die ZDF-Serie „Die Pawlaks. Eine Geschichte aus dem Ruhrgebiet“, zu Beginn des Jahrtausends folgten im SWR „Deutsche Lebensläufe“, darunter ein Porträt über „Winifred Wagner“ und eines über „Die Wagners.“ Als Drehbuchautor machte er zuletzt mit dem Kinofilm „Unter Bauern“ Schlagzeilen, in den Hauptrollen Armin Rohde und Veronica Ferres.
    Als enger Mitarbeiter des legendären Kleinverlegers V.O. Stomps („Eremitenpresse“) hat Jägersberg auch heute noch eine Vorliebe für bibliophile Bände in kleiner Auflage, und so kennt so mancher leider nicht seine vorzüglichen Gedichte oder Kalendergeschichten mit Aquarellen von Alfons Hüppi, publiziert 2005 unter dem schrägen Titel „Wie Kafka beinahe nach Baden-Baden in Groddecks Sanatorium gekommen wäre vielleicht.“
    Otto Jägersberg frönt dem Rennradfahren und ist ein leidenschaftlicher Flaneur: „Das Schreiben ist nicht der poetische Akt“, sagt er, „sondern das Spazierengehen und das Leben.“ Und zum Leben gehören für ihn unabdingbar erlesene Speisen und Weine. Man trifft den Riesling- und Weißburgunderfreund gelegentlich auf Vernissagen oder Lesungen. Dann sagt er schöne, selbstironische Sätze wie: „Mit einem Glas Wein in der Hand lassen sich wunderliche Gespräche über Kunst führen, auch wenn keiner etwas davon versteht, ich am Allerwenigsten.“ Matthias Kehle

Wir gratulieren Martin Walser

Martin Walser

zum 85. Geburtstag.

Wenn Martin Walser den Raum betritt, geht ein Raunen durch die Reihen. Kollegen nennen ihn respektvoll „den Alten“ und wissen genau, dass sie nie an seine Größe heran reichen werden.  Martin Walser wird am 24. März 85 Jahre alt und ist agil und produktiv wie immer. Fit hält er sich mit Tennis und Schwimmen, „meine Medizin ist der Rotwein“, bekannte er einmal in kleinem Kreis. Sein literarisches Werk und seine Karriere sind inzwischen allgemeines Bildungsgut, bereits sein zweites Buch „Ehen in Philippsburg“, erschienen 1957, wurde ein großer Erfolg und gilt heute noch als einer der besten Walser-Romane. Es waren Zeiten, in denen der Dichterfürst mit seinem VW-Käfer über den gefrorenen Bodensee ins heimatliche Nußdorf fuhr und angeblich angesichts des Erfolgs beschlossen hatte, fortan jedes Jahr ein Buch zu schreiben. Er hat das Vorhaben bis heute durchgehalten, Klassiker wie „Ein fliehendes Pferd“ (1978), „Brandung“ (1985) oder „Ein springender Brunnen“ (1998) folgten.
Wenn Martin Walser sich in politische Debatten einmischt, wenn er provoziert, sowohl literarisch als auch bei Reden, wird darüber weithin diskutiert, mehr als über die Äußerungen eines jeden anderen Autors oder gar Politikers. Als Heinrich Böll 1969 das „Ende der Bescheidenheit“ für Literaten forderte, gehörte Walser zu den Gründungsmitgliedern des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS), dem er heute noch angehört. Während er sich früher mit den Gewerkschaftskollegen gegen den Vietnam-Krieg und für die Wiedervereinigung einsetzte und sich an „meinungsbeladene Kongresse“ erinnert – angesichts der Verramschung seiner Bücher nach dem Wechsel zum Rowohlt-Verlag schätzt er nüchtern und illusionslos die „Versachlichung“ des VS, organisierbar seien „nur unsere wirtschaftlichen Interessen“ als Schriftsteller.
Legendär und fast ein wenig grotesk ist seine Gegnerschaft zu Marcel Reich-Ranicki, dem er mit „Tod eines Kritikers“ (2002) ein in Teilen höchst amüsantes parodistisches Denkmal setzte. Als Walser 1998 seine berühmte Paulskirchen-Rede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels hielt und die „Instrumentalisierung des Holocausts“ ablehnte, von Auschwitz als „Moralkeule“ und dem Gedenken als „Pflichtübung“ sprach, wurde er u.a. von Ignaz Bubis heftig kritisiert. Man übersah jedoch, dass er diejenigen mit der „Gnade der späten Geburt“ in die moralische Pflicht nehmen wollte. Im eben publizierten Essayband „Über Rechtfertigung, eine Versuchung“, weist er klug jede der zahlreichen Anfeindungen von „Kommunist“ bis „Antisemit“ zurück.
Kritiker meinten es nicht immer gut mit Martin Walser, nicht nur Marcel Reich-Ranicki. „Angehäufte Geschmacklosigkeiten mit seiner Greisensexualität“ schrieb eine große Tageszeitung über den Roman „Angstblüte“ (2006), er sei nahe dran gewesen, „eine Art Dieter Bohlen für die gebildeten Stände zu werden“. Erst in den letzten Jahren hat sich das Bild wieder gewandelt als Walser sich nämlich spirituellen, ja religiösen Themen zuwandte. Die FAZ monierte zwar den anmaßenden Titel der Novelle „Mein Jenseits“, lobte aber u.a. die intelligente Aphoristik („Glauben heißt, die Welt so schön zu machen, wie sie nicht ist“). Im erwähnten neuen Buch widerspricht er der unterstellten altersbedingten Religiosität: „Ich lese Religion als Literatur“.
Man kann sich Martin Walser nicht als Tattergreis vorstellen. So lange seine Medizin wirkt und weiterhin jedes Jahr ein neues Buch erscheint, wird er das auch nicht werden.
Matthias Kehle
VS Baden-Württemberg